Archäo Kontrakt


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Stadtarchäologie in Jüterbog

Seit der Einführung des Brandenburgischen Denkmalschutzgesetzes im Jahre 1991 wird ein großer Teil der archäologischen Betreuung von Bauvorhaben vor Ort durch private Grabungsfirmen geleistet.  

Seit 1995 ist die Firma Archäo Kontrakt in Jüterbog tätig, wir haben u.A. in der Großen Straße, der Mönchenstraße, der Mittelstraße und deren Querstraßen sowie dem Straßenzug innen an der Stadtmauer entlang, Badergasse, Am Zinnaer Tor, Am Wursthof und Am Frauentor, Untersuchungen durchgeführt.

Wir haben dort unter großem Zeit- und Kostendruck das Ausbaggern von Gräben für Versorgungsleitungen archäologisch begleitet. Der Vergleich der Befunde und Funde über die Jahre hinweg gewährte aber dann doch tiefere Einblicke in das Archiv unter der Stadt. Die Folgerungen, die sich daraus für die Entstehung und Entwicklung der Stadt ergeben, möchte ich heute vorstellen. Eine komplette Auswertung aller Jüterboger Funde und Fundstellen konnte noch nicht erfolgen.

Jüterbog liegt in der Nutheniederung am Oberlauf des Flusses. Ein alter Verkehrsweg, der von der Havel bei Potsdam zur Elbe führte, dürfte dem Flußtal gefolgt sein. Die Anwesenheit des Menschen im Raum Jüterbog wird erstmals durch eine neolithische Siedlung belegt. Die weitere Nutzung wird durch bronzezeitliche Befunde und Funde deutlich.

Slawische Funde aus der heutigen Dammvorstadt leiten die kontinuierliche Besiedlung Jüterbogs ein. Es wurde vermutet, dass auf dem Schlossberg, einer Anhöhe in der sumpfigen Nutheniederung, bereits in slawischer Zeit eine Befestigung existierte. Schon damals dürfte Jüterbog Mittelpunkt eines burgward-Distriktes, eines Verwaltungsbezirkes, gewesen sein.

Die erste urkundliche Erwähnung Jüterbogs fand im Jahr 1007 statt. Spätestens seit der Mitte des 12. Jahrhunderts war das Gebiet um Jüterbog fest in die Verwaltung des Erzbischofs von Magdeburg eingegliedert. 1174 wurde die bei der Burg bestehende Siedlung mit Magde­burger Stadtrecht ausgestattet und ausgebaut.

Zwischen 1178 und 1180 wurde Jüterbog bei einem Einfall slawischer Stämme aus dem Norden zerstört. Der Auf- und Ausbau der Stadt wurde aber sofort wieder aufgenommen, für das späte 12. und frühe 13. Jahrhundert sind die beiden Kirchen schriftlich belegt. Bereits 1285 wird für Jüterbog ein Kaufhaus erwähnt, an dessen Stelle, mitten auf dem Markt, später das Rathaus erbaut wurde. Doch der Rat konnte sich nie dauerhaft gegen den bischöflichen Vogt, der auf dem Schlossberg residierte, durchsetzen.

Mit dem 15. Jahrhundert endete auch die Blütezeit Jüterbogs. Ein großer Stadtbrand, das mehrmalige Auftreten der  Pest, Streitigkeiten des Bischofs, in die Jüterbog verwickelt wurde und die Reformation beendeten das Wachstum der Stadt. Der dreißigjährige Krieg, der einen Bevölkerungsrückgang von 3-4.000 auf nur noch etwa 500 Einwohner auslöste, ließ Jüterbog bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts verarmt zurück.

Mönchenstraße 1995

Beim Ausbau der Mönchenstraße wurde der gewachsenen Boden nicht erreicht, die Anfänge der Besiedlung blieben also unklar. Mehrfach wurden Strukturen aus Holz und/oder Steinen angeschnitten, welche sich aufgrund der Lage im Straßenraum als Überreste mittelalterlicher Straßenbefestigungen deuten lassen. Die kleinen jeweils freigelegten Flächen erlaubten aber keine genauere Deutung oder Datierung. Auch die Funde ließen nur eine allgemein mittelalterliche Datierung zu.

Klostergasse 1996

Bei den Untersuchungen in der Klostergasse wurde der gewachsene Boden auch nicht erreicht. Die untersuchte Fläche lag wohl im nicht bebauten Randbereich des Klostergeländes. Im 16. Jahrhundert verschoben sich die Grenzen der umliegenden Grundstücke auf das Klostergelände.

Die Untersuchung einer Kloake, eines gemauerten Toilettenschachts, erbrachte reiches Fundmaterial aus dem 17. und 18. Jahrhundert. Die Anlage der Klostergasse als Verbindung von der Möchenkirche zum Wursthof  stammt aus vermutlich aus dem 19. Jahrhundert.

Kohlhasgasse 1998

Aus mehreren Gruben und einer Kulturschicht konnte urgeschichtliche Keramik geborgen werden. Die Funde ließen sich der spätbronzezeitlichen Lausitzer Kultur zuordnen, sie zeigen also Verbindungen nach Süden an.

Funde und Befunde lassen hier den Randbereich einer Siedlung erahnen, deren genaue Lage und Größe nicht bekannt sind. Nach anderen Vorbildern könnte es sich um eine von mehreren offenen Siedlung gehandelt haben, die am Fuße des Stadthügels lagen.

Ob auf dem Stadthügel eine gleichaltrige Befestigung existierte, blieb unklar. Leider wurden gerade auf dessen Kuppe (vgl. Mittelstraße) die ältesten Schichten nicht erreicht.

Schlosspark 1999

Im Schlosspark wurden 16 kleine Fundamentgruben für einen Spielplatz ausgehoben. Die beiden einzigen erfassten Befunde waren eine neuzeitliche Planierschicht und eine darüber liegende Humusschicht.

In der Humusschicht fanden sich aber viele unverzierte Keramikscherben, vermutlich älterslawischer Zeitstellung. Daneben könnten einige Scherben auch aus der Bronzezeit oder der frühen Eisenzeit stammen. Vermutlich wurden hier die Hinterlassenschaften einer bei Planierungsarbeiten umgelagerten slawischen Kulturschicht entdeckt.

Die großen Scherben und die scharfkantigen Brüche legen nahe, dass die Funde ganz aus der Nähe stammen. Damit wären die Scherben als erster archäologischer Beleg für die slawische Burg zu deuten.

Mittelstraße 1998-1999

Zwischen 1998 und 1999 wurden die Mittelstraße und deren Querstraßen die Große und die Kleine Kirchstraße sowie das Rothe Meer, erneuert. Da in dem Bereich der größten Höhe des Jüterboger Stadthügels der gewachsene Boden nicht erreicht wurde, konnte auch dessen Oberkante nicht bestimmt werden. Daher muss offen bleiben, ob die Nikolaikirche auf einer Terrasse östlich der Hügelspitze, quasi als Anbau an ältere Strukturen, errichtet wurde oder ob sie auf dem zentralem Plateau errichtet wurde. 

Eine dünne Nutzungsschicht und darüber eine hart getretene Kieselstein- pflasterung sind die ältesten Befunde der mittelalterlichen Nutzung. Sie konnten nur in der Mittelstraße von der Nikolaikirche zum Markt und im Rothen Meer nachgewiesen werden. Wegen des Mangels an Fundmaterial konnten sie aber nicht datiert werden.

Die älteste bei den Untersuchungen gefundene Keramik, darunter wohl auch Importe aus dem Altreich, stammte aus der zweiten Hälfte des 12. Jahrhunderts. Leider wurden diese älteren Stücke alle als umgelagertes Material in der darüber liegenden mittelalterlichen Kulturschicht gefunden. Sie können also eine Nutzung in dieser Zeit belegen, geben aber keinen näheren Hinweis darauf.

Innerhalb der typischen, dunklen und fettigen mittelalterlichen Kulturschicht konnten verschiedene Reste von einem oder mehreren Bohlenwegen nachgewiesen werden.  

                                Jüterbog, Mittelstraße, mittelalterlicher Bohlenweg

 

Dabei bildeten in Längsrichtung liegende stärkere Hölzer eine Auflage für querliegende Bohlen oder Halbstämme. Der Erhaltungszustand war teilweise sehr schlecht, so dass nur noch verrottete Holzreste freigelegt werden konnten. Die Straße schien zwei separate Fahrspuren aufzuweisen, von zwei in der Straßenmitte liegenden Unterzügen gingen nach beiden Seiten die Auflieger ab.

Der Bau einer solchen Straßenbefestigung machte nur Sinn wenn sie auch sauber gehalten wurde, was, beim mittelalterlichen Umgang mit Abfall, keine Selbstverständlichkeit war. Die Reinigung und Instandhaltung dieser Straßenanlage war sicher kostspieliger als ihre Herstellung, sie deutet den gehobenen Rang Jüterbogs im Mittelalter an.

Ein weiterer Bohlenweg konnte in der Großen Kirchstraße erfasst werden. Seine Verlegerichtung wich von der heutigen Straßenflucht ab und zielte direkt in Richtung auf das nördliche Stadttor, das Zinnaer Tor.

Auffallend war das Fehlen entsprechender Reste in der Straße Rothes Meer, wo die erste Kieselpflasterung nachgewiesen werden konnte. Hier scheint sich also die Bedeutung der Straße geändert zu haben. Es liegt also nahe die Anlage der Bohlenwege im Rahmen des Wiederaufbaus der Stadt ab etwa 1180 zu sehen.

Es sind mehrere Holzproben für eine dendrochronologische Datierung des Bohlenwegs genommen worden, Ergebnisse dazu liegen nach noch nicht vor. Eine Scherbe von der Oberfläche eines Teilstückes dürfte aus der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts stammen. Daneben wurden aber auch regelmäßig Scherben des 15. bis 16. Jahrhunderts auf und über den Hölzern gefunden.

Als nächst jüngeres fanden wir flächendeckend in der Stadt eine neuzeitliche Planierschicht. Die Zusammensetzung aus hellem lehmigem Boden, gebranntem Lehm und Backsteinbruch deutet auf die Bauweise in der damaligen Zeit hin. Aus Stein waren nur wenige Gebäude, Holz und Lehm waren der vorherrschende Baustoff.

Das weiträumige und gleichförmige Erscheinungsbild der Planierschicht  lässt an eine größere Katastrophe denken. Die jüngsten Funde die daraus geborgen wurden stammen aus dem 17. Jahrhundert. Sie lassen einen Zusammenhang mit den Verwüstungen des 30-jährigen Krieges erkennen.

Auf der Mittelstraße wurden überraschend Reste von einem Gebäude angeschnitten. Dabei handelte es sich um einen Backsteinkeller aus der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts. Anlässlich einer Umbaumaßnahme wurde der baufällige Keller aber wieder verfüllt, Funde aus der Verfüllung deuten auf das 16. oder 17. Jahrhundert für diesen Umbau.

Der Keller gehörte zum dem Pfarrhaus der Nikolaikirche. Eine Federzeichnung gibt einen jüngeren Bauzustand wieder. Die Errichtung dieses Gebäudes im öffentlichen Straßenraum stellt wohl den Tiefpunkt Jüterboger Bedeutung dar.

 

 

Stadtbefestigungen

In dem innen an der Stadtmauer entlangführenden Straßenzug wurden keine Reste von wohngebäuden im Straßenraum entdeckt. Der Raum hinter der Stadtmauer blieb also frei für die Verteidiger, die ja die Einwohner selber waren.

Jüterbog, Bauarbeiten am Zinnaer Tor

Die Stadtmauer selber konnte bei den Arbeiten nicht untersucht werden, aber zweimal wurden Reste von Türmen freigelegt.     

In der Straße Am Zinnaer Tor wurden die Fundamente eines kleinen, rechteckigen Wehrturmes freigelegt. Sie zeigen, dass einige der halboffenen, sogenannten Wikhäuser wohl ursprünglich geschlossen gebaut waren. Diese Türme sollten, etwa in Bogenschussentfernung voneinander entfernt, die Verteidigung der Mauer erleichtern, weil Angreifer so auch von den Seiten her unter Beschuss genommen werden konnten.

Wenn so ein Wikhaus vom Feind aber eingenommen werden konnte, gab es diesem Deckung gegen die Verteidiger. Diese Erfahrung könnte zum Umbau, zur Entfernung der stadtseitigen Wände, geführt haben.  

Jüterbog, Am Frauentor, Turmfundament

Im Westen der Straße Am Frauentor konnten wir Reste eines mächtigen Turmes freilegen. Wir konnten den Bau leider nicht näher untersuchen, er blieb aber in den wesentlichen Teilen im Boden erhalten.

Hier wurde eine bis 1,4 m starke Feldsteinmauer entdeckt, die ein annähernd quadratisches Gebäude von um 5 m Kantenlänge umschloss. Sie schloss an ein später in Backstein errichtetes Wikhaus an, das erheblich größer als das Beispiel aus der Straße AM Zinnaer Tor war.

Das Profil der Nordmauer zeigte ein eine ältere untere Mauerphase mit auffallend hellem Mörtel und eine jüngere Phase mit dunklerem Mörtel. Die lies uns natürlich hoffen, wir hätten hier ein Rest der ältesten Stadtmauer, vor allem weil sich ein ähnlicher heller Mörtel in deren ältesten Teilen wieder findet.

Ein Schnitt an der Nordseite der Mauer zeigte uns aber schnell, dass sie in die eigentliche mittelalterliche Schicht nicht eingreift, also zumindest frühneu- zeitlich sein musste.

Ein originaler Eingang zu dem Gebäude konnte nicht festgestellt werden, wenn die Deutung als Turm stimmt wäre im Erdgeschoss auch keiner zu erwarten. Der Zugang wäre, wie bei den anderen größeren Türmen über den Wehrgang der Stadtmauer erfolgt. Das Erdgeschoss hätte der Vorratshaltung gedient.

Im Inneren konnten verschiedene Nutzungsspuren nachgewiesen werden, verschiedene Gruben, z.T. mit Holzeinbauten, Pfostenlöcher und ähnliches. Sie wurden mit Sand überdeckt und blieben im Boden unter der Straße erhalten.

Ob das Jüterbog der Phase 1 mit der in den Quellen genannten 'villa', dem Dorf der Mitte des 12. Jahrhunderts identisch ist, konnte nicht geklärt werden. Eindeutig datierbare Befunde oder slawische Keramik wurden nicht gefunden.

Als frühester Niederschlag menschlicher Besiedlung wäre die Kieselstein- pflasterung zu deuten, die Kirche und Markt verband. Sie lässt an eine  Kaufleutesiedlungen des 12. und 13. Jahrhunderts denken. Sie  dürfte einer der Siedlungskerne Jüterbogs sein und könnte um 1180 vernichtet worden sein.

Nach 1180 wäre dann das Jüterbog in den heutigen Grenzen entstanden. Der Bohlenweg dürfte entlang der gesamten Mittelstraße verlaufen sein, der Abzweig zum Zinnaer Tor, durch die Große Kirchstraße, zeigt deutlich den Bezug zur Stadtbefestigung. Er könnte schon aus dem späten 13. oder 14. Jahrhundert stammen, der Blütezeit Jüterbogs. Wenige Funde zeugen von einer wenn auch lockeren Bindung an das Handelsnetz des Altreichs.

Die Ablagerung der Kulturschicht über dem Bohlenweg mit Funden aus dem 16. Jahrhundert kann als erster Hinweis auf den Niedergang der Stadt gesehen werden. Spätestens mit der Errichtung der ersten Bebauung im Straßenraum der Mittelstraße, vermutlich dem Haus des Pfarrers der Nikolaikirche, endete die mittelalterliche Entwicklung. Die Funde deuten dabei ebenfalls ins 16. Jahrhundert. Möglich das der Magdeburger Bischof, gleichzeitig kirchlicher und weltlicher Herrscher, hier ein sichtbares Zeichen seiner Macht setzen wollte.

Von den Zerstörungen des 30-jährigen Krieges zeugte eine flächendeckende Planierschicht, die Funde aus dem 17. Jahrhundert enthielt.